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Edinburgh - Die Festival-Hauptstadt

50 Jahre Edinburgh International Festival - von Matthias Kothe

„Rio mag seinen Karneval haben und Cannes seine „Goldene Palme", aber nichts ist vergleichbar mit der unglaublichen Vielfalt des Edinburgh International Festival", schreibt die englische Tageszeitung Independent on Sunday.

Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde, diese weltberühmte Erzählung vom gespaltenen Ich, wurde nicht von ungefähr von einem der bekanntesten Söhne Edinburghs geschrieben. Zwar verlegte Robert Louis Stevenson den tatsächlichen Schauplatz der Geschichte ins London des späten 19.Jahrhunderts, doch an zahlreichen Stellen schimmert seine Heimatstadt unmißverständlich durch. Und nicht zuletzt beruht die fiktive Jekyll & Hyde-Figur auf dem wahrhaftigen Leben von Deacon William Brodie, der bei Tag ein angesehener Bürger Edinburghs war, des nachts aber sich zum Schurken und gemeinen Dieb verwandelte und mit zwielichtigen Gestalten in der Old Town auf Raubzug ging. In Deacon Brodies Tavern am oberen Ende der Royal Mile läßt sich seine Geschichte bei einem ordentlich gezapften pint of lager prima nachlesen.
Edinburgh ist auch so ein "seltsamer Fall", und Stevensons Kurzgeschichte paßt wie ein maßgeschneidertes Passepartout auf ihren zwiespältigen Charakter: "Athen des Nordens" nennen sie ihre Bewunderer, "Reykjavik des Südens" spotten die anderen. Edinburgh präsentiert sich wie eine richtige Hauptstadt, ohne jedoch über die politischen und konstitutionellen Institutionen zu verfügen, die ihrer würdig wären und die die staatliche Souveränität verkörpern würden. Für die Schotten ist sie glanzvolles Symbol ihrer nationalen Identität und zentraler Mittelpunkt, für die Engländer hingegen ist sie nichts weiter als eine Provinzstadt wie eben Newcastle oder Bristol auch. Glasgow, diese ewige, proletarische und neidische Rivalin, wirkt da ehrlicher und kann es schon eher mit Manchester oder Liverpool aufnehmen.

Und all dem zum Trotz: mag Edinburgh noch so arrogant und spießbürgerlich, so versnobt und schick sein - es ist wohl ihre Widersprüchlichkeit, die diese Stadt so interessant macht. Welche andere europäische Metropole jongliert so ungeniert und professionell mit den Milliarden aller Währungen und hat aber gleichzeitig nicht einmal genug Geld für neue Kultureinrichtungen?
Edinburgh veranstaltet seit Jahrzehnten im Spätsommer das weltweit größte und renommierteste Kunst- und Theaterfestival - in diesem Jahr das 50te.. Für ein adäquates, eigenes Opernhaus jedoch fehlen die Mittel. Wo sonst in Europa prallen mittelalterliche Baufälligkeit und georgianische Prachtarchitektur derart krass aufeinander? Edinburgh mag zwar ein Juwel im Reigen europäischer Hauptstädte sein, der letzte Schliff indessen fehlt ihr. "Auld Reekie", die alte Verräucherte, wie Emilie Brontë Edinburgh wegen des Rußgestankes in den Straßen nannte, ist gottlob noch nicht so perfekt und durchgestylt, wie viele sie gern hätten. Die Stadt hat ihre Ecken und Kanten und das macht sie liebens- und vor allen Dingen lebenswert. Princes Street beispielsweise, diese Demarkationslinie zwischen Old und New Town, ist eleganter Shopping-Boulevard und zur Mittagszeit ein einziges, lärmiges Verkehrs- und Menschenchaos. Versuchen Sie 'mal, am Nachmittag entspannt von Boutique zu Boutique zu schlendern oder im ältesten unabhängigen Kaufhaus der Welt, bei Jenner's, zu bummeln und dann streßfrei auf die andere Straßenseite ins grüne Idyll der Princes Street Gardens zu gelangen, um den spektakulären Panoramablick aufs Schloß und die gezackte Skyline der Altstadt zu genießen. Da hilft nur schottische Gelassenheit.

Die Altstadt mit ihrer königlichen Touristen- und Flaniermeile wirkt dagegen wie eine andere Welt: flankiert zur einen Seite vom Edinburgh Castle, das auf einem mächtigen Felsen über der Princes Street thront und eine prächtige Aussicht auf die gezirkelten Straßenzüge und georgianischen Appartements der feinen Gesellschaft im neuen Stadtteil bietet, und Holyrood Palace zur anderen ist jeder Meter und jeder Mauerstein dazwischen lebendiges Mittelalter. Mehrgeschossige und bewohnte Baudenkmäler, sog. tenements und einst die ersten "Hochhäuser" Europas, säumen mit ihren Closes, dunkle und schmale Gassen zwischen zwei Häusern, holpriges Kopfsteinpflaster - Zeugen einer Zeit, als Edinburgh noch nicht daran dachte, die prächtige Stadt zu werden, die sie heute ist. Die Royal Mile ist das Herzstück der alten Stadt. Bis zu Beginn des 19.Jahrhunderts gingen hier noch Kaufleute, Handwerker, Goldschmiede, und Tischler ihren ehrenwerten Geschäften nach, während nach Sonnenuntergang allerhand Gauner, Ganoven und Gesindel in diesem Labyrinth von Straßen, Gassen, Winkeln, Höfen und schmalen Gängen lungerte, in den schummrigen Pubs rund um Grassmarket und Cowgate düstere Pläne geschmiedet und Diebesgut verhökert wurde, Mord und Totschlag an jeder Ecke drohte. Inmitten dieser Halbwelt, zwischen Dichtkunst und Delirium, ersann, wen wundert's, Stevenson seinen Dr.Jekyll & Mr.Hyde. Heute sitzen die Literaten zuhause mit ihren Textverarbeitungsprogrammen und das Quartier lebt vom Tourismus, ist Kulisse für schauerliche Horrorgeschichten à la Burke & Hare und Refugium für nächtliche Geisterspaziergänge. Das Hübscheste an der Royal Mile, so schrieb Theodor Fontane schon Mitte des vergangenen Jahrhunderts, sind jedoch nur die Erinnerungen.

Am Rande dieses Tartan- und Shortbread-Basares findet alljährlich im Frühjahr das International Science Festival (22.März bis 6.April) statt, ein Kaleidoskop der neuesten Wunder der Wissenschaft und modernster Technologien. Es ist der Auftakt der Festival-Saison, die mit dem International Festival im August eines jeden Jahres ihren Höhepunkt findet. Und das seit einem halben Jahrhundert. Unmittelbar nach dem furchtbaren Krieg, 1947, wollte man wieder Leben in die Stadt und das Lachen in die Gesichter ihrer Menschen bringen - und natürlich Geld verdienen. Wir haben es hier mit Schotten zu tun. Daß sie nicht geizig, sondern einfach nur clever und wagemutig sind, haben Harvey Wood, Rudolf Bing und John Falconer, die Gründungsväter des Edinburgh International Festival, bewiesen, denn sie besaßen das richtige Fingerspitzengefühl: die Stadt hatte die richtige Größe, eine abenteuerliche Vergangenheit, genügend Unterkünfte und lag inmitten einer herrlichen Naturlandschaft. Viel entscheidender für den durchschlagenden Erfolg des ersten Festivals aber waren die drei Wochen strahlender Sonnenschein. Dann ist die Stadt wie pure Magie, auch heute noch.

Die spürbare Metamorphose Edinburghs gerade während der Jubiläums-Festivalwochen ist ebenso erstaunlich und faszinierend wie die des Dr. Jekyll: da weicht das triste Alltagsgrau einer fröhlichen Farbensymphonie, die steife Richterobe dem Narrenkleid, knallhartes Business einem übermütig-schrillen Jahrmarkt. Der sonst so spießige Hauptstädter entpuppt sich als ausgelassener Troll und kecker Till Eulenspiegel. Wo jenseits der tollen Tage der Mantel der Jahrhunderte sich andächtig auf die stillen Gassen und Gänge legt, tönen nun bis in den frühen Morgen die bierseligen Gesänge der Ausgelassenen und Vergnügungssüchtigen.

Auf dem Platz, wo einst der Galgen stand, dröhnt cooler Jazz und irische Folkmusik gegen die Fassaden des Grassmarket und in den Pubs im Erdgeschoß ist noch mehr die Hölle los, als sonst. Die Stadt schäumt über - vor Kreativität, Lebensfreude und Menschen. Zuerst war da das International Festival, diese offizielle Veranstaltungsreihe mit berühmten Opern-, Theater- und Ballettensembles, Symphonieorchestern und Solisten aus allen Kontinenten, die zwar immer etwas steif wirkt, sich aber zum weltweit rennomiertesten Kulturereignis gemausert hat. Nirgendwo sonst trifft man die internationale Haute Culture auf so engem Raum während so kurzer Zeit.

In seinem Schatten hat sich, getreu dem Edinburgh-Charakter, kurze Zeit später bereits ein frecher, respektloser Rivale breitgemacht - das Fringe, was soviel wie "am Rande" meint. Und genau da ist es längst nicht mehr: das Fringe ist das inoffizielle Festival-Spektakel, das alternative Rahmenprogramm und mittlerweile das heimliche, globale Kultur-Epizentrum. Wo immer drei Sitzreihen hinter- oder nebeneinander und eine kleine Bühne Platz haben - im Hinterhof, im Pub, in einer ehemaligen Kirche und ausgedienten Kinosälen, in den Straßen und Parkanlagen - es wird mit Herzenslust und Spaß gespielt und improvisiert. Ob avantgardistische Performances, spontane Musik-Sessions, Ausstellungen, Pantomime, Tanz und Theater, mit rund 1 000 verschiedenen Veranstaltungen ist das Fringe auch 1997 wieder Talentschuppen und Karriere-Sprungbrett, denn nicht selten sitzen im Publikum Filmproduzenten oder Kritiker und so manche Entdeckung - wie etwa die Komikertruppe Monty Python Flying Circus - wurde hier gemacht. Beide Festivals gehen nunmehr ins 50. Jahr (10. bis 30.August) und präsentieren wieder ein wahres Feuerwerk an Kunstgenüssen: die Scottish Opera und Royal Opera Covent Garden stehen ebenso auf dem offiziellen Festprogramm wie das Rotterdam und Oslo Philharmonic Orchestra, das NDR Symphonie Orchester, Luc Bondy sowie das San Francisco Ballet u.v.m. Über die Veranstaltungen des Fringe informiert aktuell der Fringe Society Festival Guide und die Stadtzeitung The List.

Der dritte Jubilar, das Drambuie Edinburgh Film Festival (10. bis 24.August), wird wieder außergewöhnliche internationale Filmproduktionen zeigen. Mit von der Partie ist auch das legendäre Edinburgh International Military Tattoo (1. bis 23.August), ein imposanter Zapfenstreich im Schloßhof, dessen Höhepunkt die "Pipe Band Parade" mit mehreren tausend Dudelsackspielern und Trommlern ist, die die Princes Street entlangmarschieren.

Blieben noch das Edinburgh International Jazz & Blues Festival (10. bis 17.August) und die ungezählten Ausstellungen, Straßenfeste und Gedenkveranstaltungen zu erwähnen. "Ihr könnt von Ionesco sprechen, und auch von Harold Pinter, aber wenn Ihr glaubt, diese Stadt sei die Krone der Kultur, dann kommt doch 'mal im Winter!", spotteten einst die Studenten in den Sechziger Jahren. Sie vergaßen offensichtlich Hogmanay, Edinburghs traditionelle, grandiose Silvesterparty, die nicht wie bisher nur drei, sondern nun ganze fünf(!) Tage (29.12. bis 02.01.) andauert. Aber das ist eine andere Geschichte.

Informationen über: Edinburgh International Festival, 21 Market Street, Edinburgh EH1 1BW, Scotland
Tel.: 0044-131 226 4001 - Fax.: 0044-131 225 1173
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